CIWS im Zusammenhang der Flugabwehr zur See:
 

CIWS bedeutet Close-In-Weapon-Systems, heißt übersetzt Nahbereichs (Flugabwehr-) Waffensystem.
Diese Systeme werden auf Schiffen dazu verwandt, anfliegende Seezielflugkörper (SZFK) zu bekämpfen um Treffer auf dem Schiff zu verhindern. Diese Aufgabe heißt ASMD Anti-Ship-Missile-Defense und gilt als eine der anspruchsvollsten Aufgaben der Seeflugabwehr.
Man muß die Flugkörperabwehr als Bestandteil der gesamten Marine-Flugabwehr betrachten, um sie bewerten zu können. Daher zuerst ein kleiner Exkurs:


Flugabwehr auf See:
Die Flugabwehrsysteme auf Schiffen sind von der Reichweite her gestaffelt, es gibt kein offizielles Differenzierungssystem, daher werde ich mich an den in der Bundesmarine verwendeten FK orientieren:

Für dem Bereich bis 5nm kommen die CIWS zum Einsatz, bei der Bundesmarine RAM.
Die Reichweitenzone danach bis 10nm wird von Punktverteidigungsraketen belegt, wichtigster Vertreter für diese Kategorie ist die italienische Aspide und  bei der Bundesmarine die NSSM/ ESSM-Rakete der NATO.
Danach kommt die Mittelbereichsflugabwehr mit Reichweiten bis 50nm, Typvertreter sind hier die Flugabwehrraketen SM-1 bei der Bundesmarine, Sea-Dart, SA-N-3 Goa, SA-N-7, Aster-15 und Aster-30 bei den Marinen Italiens, Frankreichs und Großbritanniens (nur wenn diese das Horizon-Fregatten-Programm denn doch noch in den Griff bekommen).
Danach kommt die Weitbereichszone mit über 50nm, die im Westen mit den System SM-2 MR (Block-III: 40-90nm) und ER (Block-IV: 65-100nm) und in Rußland mit SA-N-6 Grumble (80km) abgedeckt werden. Mit der F-124 läuft der Bundesmarine die SM-2 Block-IIIA zu.
In diesem organischen System kommt den CIWS eine „Lückenfüllerfunktion zu. Sie sollen die „Leaker“, die Flugkörper die trotz allem durchkommen, abfangen.

Die Bedrohung durch SZFK und die Schiffsflugabwehr:
Wie überall im Krieg gibt es auch hier eine Variante des alten Wettlaufs Panzer-Granate:
Die Flugkörper stellen die Abwehrsysteme durch geringe Radarsignaturen, schwer auffaßbare oder fehlende Sensoremissionen, teils sehr hohe Geschwindigkeit, geringe Flughöhe, unvorhersagbare Flugmuster, hohe Agilität, schwierige Anflugwege oder Störmaßnahmen vor teils erhebliche Probleme.


MM-40 Block-II Exocet; 165kg Gefechtskopf,
Reichweite 70km bei Mach 0,9

SZFK sind weltweit in großen Stückzahlen verbreitet, werden von einer großen Anzahl Länder hergestellt und die Typen sind sehr vielfältig, hier nur ein paar davon: Harpoon (USA), Tomahawk-ASM (USA), Exocet (Fr), Otomat/ Teseo-Starter (Ital), RBS-15 (schwed), Penguin (Norw), Kormoran-2 (De), Seaeagle (GB), Gabriel (Israel), SS-N-2C Styx (Russ), AS-4 Kitchen (Russ), AS-6 Kingfish (Russ), Yakhont (Russ), SS-N-22 Sunburn (Russ), SS-N-25 (Russ) und diverse chinesische SZFK.


Harpoon-Aufriß

SZFK werden auf sehr verschiedene Art eingesetzt: Sie können von Flugzeugen, Schiffen, U-Booten (unter Wasser) oder von Küstenbatterien werden, dabei bietet jede Einsatzart ihre besonderen Probleme. Der Unterwasser-Verschuß schwerer SZFK von rusischen SSGNs aus, bereitete während des kalten Krieges der US-Navy erhebliches Kopfzerbrechen, da diese Raketen gleichsam ohne Vorwarnung aufgetreten wären; Küstenbatterien sind, einmal gut getarnt, von See aus nur schwer aufzuzklären etc.
Die Vielfalt der SZFK ist groß, sie werden von Fest- oder Flüssigtreibstoffraketen oder Turbojet-Triebwerken angetrieben, haben teils sehr große Reichweiten. Sie fliegen im mittleren bis hohen Unterschallbereich oder bei teils mehrfacher Schallgeschwindigkeit. Die Suchköpfe verwenden zielsuchendes aktives Radar (die Klassiker: Harpoon, Exocet, etc.), passives Radar (d.h.. Zielbeleuchtung durch ein leistungsstarkes Bordradar auf Schiff/ Fluggerät wie bei Sea Skua) oder passive TV/ IR-Suchköpfe (Penguin).

Die Bedrohung ist also je nach Typ unterschiedlich: Sehr schnelle Überschall-FK sind bei der Zielverfolgung bereits aus dem Suchfenster verschwunden, wenn man sie verfolgen will. Ihre Geschwindigkeit gewährt ihnen hier einen Vorteil. Sie lassen dem angeflogenen Schiff auch nur sehr wenig Zeit zu Abwehr. Sie weisen aber mit ihren durch die Reibung erhitzten Spitzen und ihrem heißen Abgasstrahl eine starke IR-Signatur auf. Sie sind für die Hochseekriegführung sehr gut geeignet.
Russischer SSN-22 "Sunburn" (Moskit); GK 320kg, 250km Reichweite bei Mach 3

Unterschallsysteme haben in der Regel größere Reichweiten, was zusammen mit moderner GPS-Navigation eine intelligente Flugwegführung ermöglicht. Sie benötigen unter Umständen, zB beim Flug über freier See, ein Lenksystem zur Kurskorrektur, so wie die italienische Otomat oder Tomahawk ASM. Ein Verlust der zur mid-course-Guidance erforderlichen abgesetzten Sensorträger (Hubschrauber wie AB-212 oder Drohnen wie SEAMOS) würde natürlich die Abwehr erleichtern - das unterstreicht die große Bedeutung der luftgestützten Frühwarnung über See.
Unabhängig davon ob man es mit einem Überschall- oder Unterschall-SZFK zu tun hat sind die Reaktionszeiten sehr gering. Soll eine Abwehr also erfolreich sein, bedarf man, da der Mensch überfordert ist, wirksamer, zuverlässiger automatischer Feuerleit- und Verteidigungssysteme.


"Harpoonskij": russischer SS-N-25 "Switchblade" (Ural)
145(?) Gefechtskopf, Reichweite 120km, Mach 0.9 oä-

SZFK können auch, insbesondere in Küstennähe, sehr plötzlich zwischen Inseln auftauchen und sind, wenn sie zudem Ausweichmanöver fliegen auch sehr schwer abzuwehren. Die Bekämpfungszeit wäre dadurch ebenfalls sehr gering. Moderne mittelschnelle und hochagile Stealth-SZFK mit passiven Suchköpfen sind zwar weit langsamer aber, da weit schwerer zu orten, insbesondere in Küstennähe möglicherweise wirksamer - ein kleines Plädoyer für die NSM.

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Zweimal Harpoon, 227kg Gefechtskopf, Mach 0,9,
Reichweite Block 1C: ~150km/ Block-1D: 270km

Die Anflugwege differieren ebenfalls, manche SZFK sind „Sea-Skimmer“, die in sehr geringer Höhe über dem Wasser anfliegen und erst vom Schiffsradar erfaßt werden können wenn sie die Kimm passieren (glücklich wer sein Radar hoch montiert und AEW+C-Hubschrauber oder Flugzeuge im Verband an Bord hat).
Andere, die sogenannten „Diver“, wie die russischen Yakhont oder die AS-4 Kitchen und AS-6 Kingfish fliegen in großer Höhe mit hoher Überschallgeschwindigkeit ihr Ziel an und stürzen sich in steilem Winkel auf ihr Ziel um tief in seinem Inneren zu detonieren. Es gibt auch Kombinationen aus beiden Anflugmustern, wie bei Harpoon oder Tomahawk-ASM, die ihr Ziel im Tiefstflug ansteuert und dann hochschießen, um sich von oben in das Schiff zu stürzen (pop-up Manöver).


 Tomahawk-Varianten, insbesondere Tomahawk-TASM;
Gefechtskopf 450kg, Reichweite 463km bei Mach 0,7.

Die Auswirkungen eines SZFK-Treffers auf ein Schiff wären in jedem Fall verheerend. Dabei kann die Trefferwirkung ebenso durch den eigentlichen hochexplosiven Gefechtskopf wie auch von durch dessen Treibstoff verursachte Brände ausgehen, das war eine der Lehren des Falkland-Krieges. Bei den hohen Kosten heutiger Kriegsschiffe wäre ein jeder Treffer für den Gegner ein zumindest ein wirtschaftlicher Erfolg, selbst wenn er das Schiff nur beschädigt. Bei den kleinen Korvetten und Schnellbooten wäre ein Treffer vernichtend, er führt zumindest zur Gefechtsunfähigkeit. Erschwerend kommt hinzu, daß mitunter, selbst wenn es gelingt den anfliegende FK zu zerstören, der unzerstörte Gefechtskopf dennoch weiterfliegt und das Ziel treffen kann.
Selbst der Nahtreffer eines FK kann verheerende Wirkungen hervorrufen. Während des Vietnamkrieges wurde der US-Kreuzer USS Worden um 30m von einer amerikanische Shrike Anti-Radar-Rakete verfehlt. Dieser Nahtreffer ließ für 30 min allen Kraftstrom, die Kommunikation und das Licht im Schiff ausfallen. Das Schiff war nicht länger kampffähig und hätte einen Angriff nicht mehr abwehren können. Dabei hatte dieser Gefechtskopf lediglich rund 45kg Gewicht, während der GK eines Seezielflugkörpers meist deutlich schwerer ist, meist zwischen 120kg und 230kg bis hin zu 500kg oder 1.000kg, insbesondere bei den russischen "Trägerkillern" AS-4 Kitchen und AS-6 Kingfish in der Schwergewichtsklasse.
AS-6 Kingfish der TU-16 Badger, 1000kg GK oder 350KT Nuke,
240-700km Reichweite bei Mach 3


AS-4 Kitchen der TU-22 M4 Backfire, 1000kg GK oder 350KT Nuke,
460-500km Reichweite bei Mach 4

Wenn eine große Anzahl von SZFK oder auch SZFK mit preiswerten FK-Ködern (ähnlich MALD) gleichzeitig eingesetzt werden kann durch „Sättigung“ die Abwehr massiv erschwert werden. Das bedeutet schlicht, daß man mit mehr Raketen angreift als der Gegner abwehren kann. Ein solches Vorgehen war für einen heißen Krieg bei sowjetischen Angriffen auf US-Trägerkampfgruppen vorgesehen.


MALD-Mobile AirLaunched Decoy
(warum nicht auch von See aus?)

Der Sättigungsangriff selbst kann auf verschiedene Weise erfolgen: Als massierter Angriff einer Vielzahl von Flugkörpern aus einer Richtung (stream-attack), als Hagel einer Vielzahl von „Divern“ oder durch Sea-Skimmer, die in sich kreuzenden Flugbahnen manövrieren (crossing-targets) und so die Feuerleitung überfordern. Auch sind andere Manöver möglich, die keine stabile Feuerleitlösung mehr zulassen.
Ein Beispiel: Das RAM-System der F-123 kann zwei Ziele gleichzeitig bekämpfen, für die NSSM/ ESSM stehen 2 STIR-Tracker zu Verfügung, die, sagen wir einmal, je 1 Ziel beleuchten. Die Sättigungsgrenze läge danach bei 6 anfliegenden FK. Das ist zwar eine ganze Menge und ein Verband von Schiffen kann natürlich auch mehr bewältigen, aber es verdeutlicht, daß man die Anzahl der Ziele durch die Mittelbereichsflugabwehr tunlichst reduzieren sollte, wenn einem an seinem Schiff etwas liegt.
Moderne optronische System, wie der ebenfalls auf der F-124 eingeführte automatische IR-Sensor SIRIUS erlauben ene passive Zielverfolgung anfliegender SZFK und sind besonders bei Überschall-SZFK effektiv, erlauben aber auch die Erfassung der schwächeren, durch Reibung und den Abgasstrahl hervorgerufenen, Wärmesignaturen der Unterschall-SZFK.


Sirius

Die Bedeutung der Fähigkeit FK zu führen und Ziele zu beleuchten spiegelt sich in der großen Anzahl von Zielbeleuchtern an Bord amerikanischer CG der Vor-Aegis-Ära wieder, ein Resultat der Bedrohung durch Sättigungsangriffe. Dieses Problem wurde durch das Aegis-System in der US-Navy teilweise gelöst, doch selbst diese Schiffe weisen noch separate Zielbeleuchter auf. Deutschland folgt diesem Weg in bescheideneren Dimensionen mit dem active-array APAR-Radar der F-124. Systeme wie APAR oder Aegis wurden durch den massiven Fortschritt im Rechner- und Halbleiter-Bereich ermöglicht und können eine Vielzahl einzelner beweglicher Zielbeleuchtungsstrahlen bilden, griffig als „pencil-beams“ beschrieben.

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SPY-1D Antenne und SLQ-32 (li), APAR-Antenne (mi) und Darstellung eines pencil-beams (ja, über Land, (re))

Der Einsatz von Ködern bietet zudem weitere Möglichkeiten: Köder mit ausreichender Reichweite könnten ihr „Ziel“ auch mehrfach anfliegen und kurz vor Erreichen der Bekämpfungsreichweite abdrehen um so den Gegner dazu zu verleiten die begrenzte Menge seiner Munition und Täuschkörper zu verschießen und die OPZ-Crew zu zermürben. Und selbst wenn ein 50.000 DM Köder durch eine 5.000.000 DM Rakete getroffen wird istr das schon ein kleiner wirtschaftlicher „Abnutzungssieg“. Dieses Verfahren kann selbstverständlich auch von SZFK verwendet werden.

Die dargestellten Gefahren haben eine Generation von Waffen- und Feuerleitsystemen hervorgebracht, die durchaus in der Lage ist diese Bedrohung zu bewältigen. Die Bundesmarine hat währen der sehr anspruchsvollen Scharfschießübungen vor Roosevelt-Roads gegen scharfe Flugkörper und Drohnen selbst mit ihren veralteten Zerstörern der Mölders-Klasse im Verbund mit F-123/ 122 regelmäßig die Fähigkeit unter Beweis gestellt SZFK abzuwehren. Diese Fähigkeit wird sich bei Zulauf der F-124 noch erheblich verbessern.


AAW-Fregatte F-124 Sachsen-Klasse mit APAR-phased-array-Radar

Ich möchte mit alledem verdeutlichen, daß der Fähigkeit zur Abwehr dieser sehr komplexen und vielgestaltigen Bedrohung in der Seekriegsführung eine vitale Bedeutung zukommt. Die Anzahl der Raketen oder Geschütze ist zwar wichtig, eine weit problematischere Grenze ist die effektive Feuerleitung der eingesetzten Waffen.

Gegenmaßnamen:
Der Bedrohung begegnet man – Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste – durch passive Maßnahmen zur Erhöhung der Standkraft wie Panzerung vitaler Elemente, konstruktive Maßnahmen wie Redundanzen oder Abteilungsautarkie. Diese Maßnahmen sollen das Überleben des Schiffes nach einem Treffer sicherstellen. Die F-123 mit ihren 6 Kastenträgern und ihrer ausgeprägten Abteilungsautarkie stellt gegenüber der F-122 einen deutlichen Fortschritt dar.


Düppeleinsatz

Auf der anderen Seite will man es dazu vernünftigerweise nicht kommen lassen und versucht anfliegende Flugkörper gar nicht zum Ziel vordringen zu lassen.
Dies ist nur durch den gemeinsamen Einsatz von Täusch- und Störmaßnahmen und durch spezialisierte Flugabwehrsysteme zu bewältigen.
Bei den Stör- und Täuschmaßnahmen setzt man IR-Täusch- und Düppelraketen verschiedener Kaliber von 76 über 100 zu 130 oder noch größeren Kalibern ein, die durch Fackeln IR-Suchköpfe verwirren sollen und durch Alufolien für den Radarsuchkopf eines anfliegenden Flugkörpers Scheinziele erzeugen, die ihn vom eigentlichen Ziel abzulenken. Vertreter dieser Gattung sind das 130mm US SRBOC-System, das auch bei der deutschen Marine im Gebrauch ist, das französische Dagaie- und die britischen Corvus- und Plessey-Shield-System.

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Dagaie-Batterie (li) und SRBOC-Batterie (re)

Man setzt auch schwimmende Radarreflektoren, wie das Irvin Replika-System ein, die auf dem Wasser ein Radarecho erzeugen. Ein fliegender Täuschkörper Nulka wird derzeit von den USA und Australien gemeinsam entwickelt.
Das Nulka-Scheinzeil ist eine schwebende Störenderrakete und soll anfliegende SZFK ebenfalls täuschen und ist, wie auf dem Bild erkennbar, mit dem SRBOC-Werfer kombiniert. Nulka hat gegenüber Düppelraketen den Vorteil windresistent zu sein und das Schiff wird durch home on jam-Suchköpfe von SZFK weniger gefährdet.

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Mk.53 Nulka (li) und Nulka-/ SRBOC-Starter-Kombination (re)

Dazu kommt bei FK mit Radarsuchkopf der Einsatz von Störsendern, die die ausgesendeten Signale täuschen oder Scheinziele vorgaukeln. Solche EloKa-Systeme sind zum Beispiel das amerikanische AN/ SLQ-32 oder das deutsche FL-1800 S-II.

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FL-1800 S-II Antennen am Hauptmast F-123 (li), AN/SLQ-32 (re)

Diese Maßnahmen allein sind je nach Bedrohung und Qualität des FK-Suchkopfes bereits sehr wirksam. In den israelisch-arabischen S-Boot-Gefechten von 1967 verfügten die Israelis über keinerlei CIWS, dennoch traf von den 52 arabischen Styx-SZFK nicht einer, während die israelischen Gabriel jedoch zu 85% aller Fälle trafen.

Da man sich darauf allein jedoch nicht verlassen kann und da die SZFK immer ausgefeiltere Funktionen besitzen, die eine Täuschung zunehmend erschweren, setzt man gleichzeitig die CIWS ein.
Die Zerstörung feindlicher Flugkörper, der „Hardkill“ ist nicht alles. Auch die weniger offensichtlichen Effekte durch Abnutzung oder „Softkill“, also Täuschung, spielen bein diesem breiten Thema eine wichtige Rolle. Nun aber zum eigentlichen Thema:


Die CIWS:
Als CIWS kommen sehr unterschiedliche Systeme zum Einsatz. Diese Systeme teile ich in vier Kategorien ein.

(A) Die Rohrwaffensysteme
Diese Systeme arbeiten im wesentlichen nach zwei Prinzipien:
Die schwerkalibrigen Systeme über 40mm verwenden hier in der Regel tempierbare Munition die mit Luftsprengpunkten eine undurchdringbare Splitterwolke vor dem FK produziert, die ihn zerstören soll. Die Kleinkalibrigen Waffen verwenden normale oder unterkalibrige KE-Munition mit der man den FK schlicht in ungefährliche Stücke schießen will. Ihr Hauptnachteil, speziell bei den auf-Deck-Systemen des Typs (aa)  ist die relativ geringe Menge Muniton, die bei Sättigungsangriffen problematisch wird. Rohrwaffen werden in zwei grundlegenden Typen hergestellt.

(aa) Auf-Deck-Systeme mit integrierter Feuerleitung. Sie verwenden meist ein Radarfeuerleitsystem, mitunter mit zusätzlichem optronischer Komponente (TV/ IR-Suchkopf zum passiven Auffassen anfliegender FK) und ein hochkadentes Rohrwaffensystem – in der Regel Gatling- oder Mehrlaufkanonen und Mehrlingsanordnungen aus mehreren Maschinenkanonen mit Kalibern von 20mm bis 40mm. Diese Waffen vereinen Geschütz und Feuerleitung in einem einzelnen Modul, was insbesondere die Nachrüstung dieser Systeme in vorhandene Schiffe sehr erleichtert.
Typische Vertreter sind bei den Gatling Waffen das 20mm Phalanx-System und das ebenfalls erfolgreiche Goalkeeper 30mm System, die spanische 20mm 12-Lauf-Kanone MEROKA und das für die Bundesmarine entwickelte 27mm Vierlingssystem MIDAS mit dem Goalkeeper-Feuerleitsystem.

-Phalanx der Firma Raytheon besteht aus der erfolgreichen hochkadentern 20mm Gatling-MK M-61 Vulcan und einem vollautomatischen Feuerleitmodul, bestehend aus einem sehr hoch auflösendem zweiteiligen Ku-Band-Radar (a) zur Verfolgung des anfliegenden SZFK und (b) zur Verfolgung der abgefeuerten Geschoßgarbe. Die gewonnenen Zieldaten werden zur Korrektur der nächsten Sqalve genutzt. Die Reichweite liegt bei 1.500m und die Kadenz bei 3.000 rpm.
Die verbesserte Version Block-1B verfügt über einen längere und stärkere Läufe für größere Reichweite und Präzision, stärkere hochenergetische Munition und zusätzliche einen FLIR Sensor und kann damit auch kleine Speedboote bekämpfen.
Das Phalanx-Radar ist auch die Basis für das SEARAM-System (s.u.) der gleichen Firma.

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Phalanx (li) und verbessertes Phalanx 1B (re) mit optr. Feuerleitmodul neben Radar

-Goalkeeper der niederländischen Firma Signaal besteht aus der General Electric GAU-8/A 30mm Gatling MK und einen vollautomatischen Feuerleitsystem mit schnell rotierenden 360°-Suchradar und  Zielbeleuchter. Es kann während der Zielsuche ein anderes Ziel bekämpfen. Die Feuergeschwindigkeit liegt bei 4.200 rpm, die Reichweite bei etwa 2.000m.

-MIDAS (andere Namen sind AMS-4-27 oder Drakon) besteht aus einer  Vierlings- Anordnung der hervorragenden BK-27 Flugzeugbordkanone auf einer modifizierten 40mm Bofors-Lafette und erreicht eine Kadenz von mit 1.800 rpm pro Rohr, also insgesamt 7.200 rpm. MIDAS verwendet aus Gewichtsgründen nur ein Signaal- Zielbeleuchtungssystem, die Rohzieldaten stammen von den Schiffssensoren. Die Reichweite liegt bei etwa 3.000m. Eine Ausrüstung mit zwei zusätzlichen IR-gelenkten Stinger Flugabwehrraketen war vorgesehen.
Wurde ursprünglich als Standard-CIWS der Bundesmarine für Schnellboote, Minenabwehreinheiten, Tender und Fregatten entwickelt, aber aus Kostengründen gestrichen und wird jetzt unter dem Namen Drakon vermarktet. MIDAS verschießt unterkalibrige flügelstabilisierte APFDS-Pfeilgeschosse mit sehr hoher kinetischer Energie.
Die BK-27 und die Munition selbst waren wohl überzeugend, denn sie werden einzellafettiert als Marineleichtgeschütz 27mm MLG-27 auf allen Booten und Schifen der Marine die 40mm Bofors und die Rh-202 ablösen.


MIDAS oder AMS-4-27 oder Drakon

MLG-27

-MEROKA bedeutet MEhrROhrKAnone und ist eine Oerlikon L120 20mm 12-Rohr-Kanone mit zwei Reihen zu 6 Läufen. Sie verfügt über einen optronischen Zielverfolger und ein Zielverfolgungsradar. Die groben Zieldaten stammen von den Schiffssensoren. Die Kadenz liegt bei 1440 rpm und die Reichweite bei maximal 2000 m. Meroka ist in Spanien auf allen größeren Schiffen im Einsatz.

(bb) Dezentrale Rohrwaffensysteme bestehend aus leistungsstarken Maschinenkanonen, die ihre Zieldaten aus den schiffseigenen Sensoren beziehen. Sie verwenden zT spezialisierte CIWS-Radars, die aber vibrationssicher auf dem Schiff verteilt sind. Sie funktionieren wohl ähnlich wie Phalanx, sind aber zT deckpenetrierende Systeme, die konstruktiv einen höheren Aufwand erfordern.
Typische Vertreter dieser Gattung sind das italienischen 40mm Dardo/ Breda Zwillingssystem mit Airburst-Munition, das Sea-Zenit-System mit 25mm Vierling und die erfolgreichen russischen Gatling Systeme ADMG 230 (mit Drum-Tilt oder Muff-Cobb-Feuerleitradar)/ ADMG 630 (mit Bass-Tilt Feuerleitradar), die auf über 20 Kriegsschiffklassen im Einsatz sind, und daher wohl zufriedenstellend arbeiten werden.
Auch den hochkadenten weitaus schwereren Geschützen des französischen Typs 100mm Creusot-Loire und der weit verbreiteten italienischen 76mm Oto-Melara wird mit moderner tempierbarer Splittermunition eine ASMD-Fähigkeit nachgesagt. Die Oto-Melara wird von der italienischen Marine an Bord von Zerstörern als eine Art moderner Mittelartillerie ua zu diesem Zweck eingesetzt.

(B) FK-Systeme
Die FK-Systeme sollen anfliegende FK entweder durch einen direkten Treffer zertrümmern oder sie mit ihrem Splitter-Gefechtskopf zerstören. Diese Systemewerden manchmal auch als ILMS Inner-Layer-Missile-System bezeichnet. Der eigentliche Unterschied liegt in der Gestaltung der Feuerleitsysteme, bei denen es zwei grundlegende Formen gibt:

(aa) Fire & Forget-FK-Systeme, die nach dem Feuern keiner schiffsgestützten Feuerleitung mehr bedürfen. Diese Systeme verwenden in der Regel passive IR-Suchköpfe und passive elektronische Sensoren. Vertreter dieser Gattung sind das deutsch-amerikanische RAM-System und das französische Sadral mit Mistral-Raketen. IR gelenkte Systeme habe den Vorteil, daß anfliegende Raketen, insbesondere die Überschallmuster eine deutliche IR-Signatur aufweisen, derer man sich zur Zielverfolgung bedienen kann.

-RAM ist die Abkürzung für Rolling-Airframe-Missile. RAM ist eine rollstabilisierte Flugabwehrrakete mit Gefechtskopf und Raketenmotor der Sidewinder, mit Stinger IR-Suchkopf und zusätzlichem passivem Radarempfänger (wirkt wie Hörner) zum Auffassen der Emissionen anfliegender SZFK. Die deutsch-amerikanische Rakete erreicht Mach 2, hat einen etwa 12kg schweren Splittergefechtskopf und eine Reichweite von 5nm. Die Trefferwahrscheinlichkeit beträgt deutlich über 90%. Ein Ziel wird in der Regel durch eine 2 FK-Salve bekämpft, der 21-f Starter kann von Hand nachgeladen werden. Die Zieldaten stammen entweder von Schiffs-ESM oder vom Radar. Die verbesserte Block-1 Version erhält einen abbildenden IR Suchkopf und kann dann auch Hubschrauber bekämpfen. RAM ist das Standard-CIWS der Bundesmarine und wird auch bei der US-Navy als Ergänzung zu Phalanx verwendet.

Der US-Hersteller Raytheon bietet unter dem Namen Sea-RAM auch eine Variante an, die einen 11-Rohr-Starter auf gemeinsamer Lafette mit dem Phalanx-Feuerleitsstem (s.o.) kombiniert. Das würde eine schnelle auf-Deck-Nachrüstung zu schützender Schiffe ermöglichen, die selbst nicht über moderne Verteidigungssysteme und Sensoren verfügen.


Ram

Ein Bild davon, wie Raytheon sich SEA RAM vorstellt:

-Sadral verwendet die erfolgreiche schultergestartete Kurzstrecken Flugabwehrrakete Mistral zur Abwehr von Seaskimmern. Mistral hat etwa 6km Reichweite einen hochauflösenden IR-Suchkopf und einen kleinen (etwa 3kg) Splittergefechtskopf, der 6-f Starter kann von Hand innerhalb von 6 min nachgeladen werden. Sie gilt als sehr treffsicher und wird weltweit exportiert.
Sadral Starter

Sadral-Start

(bb) FK-Systeme mit schiffsgestützter Feuerleitung und Zielbeleuchtung. Diese arbeiten wie gewähnliche schiffsgestützte Flugabwehrraketen, sind aber eben kleiner und von geringerer Reichweite. Diese Systeme haben zwischen 2 und 5nm Reichweite.
Vertreter dieser Gattung sind das britische Seawolfsystem, das französische Crotale/ Crotale-NG (mit dem VT-1R-Flugkörper), das russische SA-N-9 und das israelische Barak-System. Ich beschreibe hier nur eine Auswahl.

-Crotale-NG arbeitet passiv oder halbaktiv mit Radarzielbeleuchtung, der duale VT-1R Flugkörper verfügt dazu noch über einen IR-Sensor, der eine Abwehr zumindest sehr erschwert. Die Rakete ist sehr leistungsstark und agil, man spricht von maximal über 60g, und erreicht bei einer Reichweite von 12km Mach 3,5. Der VT-1 R Flugkörper kann aus dem 8-f Richtstarter verschossen werden oder aus dem modernen Quadrax Untereck-VLS-Silo (mit je 4FK pro Silo-Zelle; das Grundmodul hat 2 Zellen).


Crotale-NG Start auf omanischer
Quahir-Korvette

-Seawolf ist sehr zuverlässig und weist eine hohe Treffsicherheit auf. Es hat ebenfalls eine Reichweite von etwa 10km, erreicht jedoch nur Mach 2,5. Die Feuerleitung ist sehr interessant: Die optronisch (passives IR/ TV) und durch Radar gewonnenen Zieldaten werden durch Telemetrie an den Flugkörper übertragen, der dadurch in seiner Flugbahn ständig korrigiert wird, der 6-f Starter kann von Hand nachgeladen werden, das abgebildete VLS, das permanente 360°-Abdeckung bietet, nicht.


Seawolf-Start von F-23 Duke-Klasse

-Sea-Sprint der Firma Oerlikon ist eine Variante des erfolgreichen Flarak-Systems ADATS. ADATS ist ein laser-beam-rider mit einer Geschwindigkeit von Mach 3+, manöveriert mit bis zu 60g und hat etwa 10km Reichweite. Die Zieldaten stammen vom Schiff (ein Modul mit eigenem Radar ist jedoch ebenfalls denkbar), der 8-fach-Starter enthält nur den Laserzielbeleuchter und IR/ TV-Sensoren. Die Störresistenz beim Einsatz gegen SZFK dürfte groß sein.


ADATS-Rakete

Aus meinem Kategorisierungssystem heraus, kein System ist volkommen,  fallen moderne neue Systeme wie das russische CADS-N-1, die zB eine Maschinenkanone und ein FK-System auf einer Lafette kombinieren. Bei CADS-N-1 sind dies eine AMDG-630 30mm Gatling und die Marine-Variante der neuesten Igla-Flugabwehrrakete (ähnlich Stinger/ Mistral).


Hier noch einige interessante, wenn auch meist englischsprachige, Links zu diesem Komplex:

Federation of American Scientists FAS-Org über US-Systeme
FAS-Org mit allgemeinen Rüstungsinfos (immer noch US-lastig)
 

Dazu noch ein paar allgemeine Marineseiten (kann sein, daß ich einige von Kajo habe):

Bundesmarine
Offizielle Seite der Russischen Marine
Offizielle Site der US-Navy
Kei's Junkyard - JMSDF Info
Offizielle Seite der JMSDF
Französische Marine
Royal Navy
Royal-Australian-Navy
Royal Canadian Navy
Royal Netherlands Navy


Co-Author :Norbert Schulz
Mail an: a2870835@smail.uni-koeln.de


PS: Ich erhebe hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit, bin aber Aktualisierungen und Ergänzungen gegenüber immer offen. Einige meiner Quellen sind nur auf dem Stand der späten Achtziger. Aus Zeitmangel habe ich mir die Quellenangabe erspart. Ich habe einiges  Soldat & Technik entnommen, die ich seit mehreren Jahren lese, anderes aus verschiedenen Büchern und dem Internet (vor allem die Bilder). Ich interesse mich hierfür nur als Hobby und verdiene kein Geld damit.