Auftrag, Aufgabe und Struktur der Deutschen Marine

 

Die Beteiligung der deutschen Marine an der Durchsetzung des VN-Embargos gegen Restjugoslawien in der Adria war sichtbares Zeichen eines Prozesses, der mit den fundamentalen Umwälzungen in Europa am Ende der achtziger Jahre eingesetzt hatte. Gerade für Deutschland bedeutete dies erhebliche Veränderungen in der sicherheitspolitischen und militärstrategischen Lage. Die Folge war eine grundlegende konzeptionelle Neuorientierung der deutschen Streitkräfte und auch der Marine gewesen - und damit verbunden erhebliche Anpassungen ihrer Fähigkeiten, ihres Umfangs und ihrer Struktur.

Auftrag und Rolle der deutschen Marine

Der Auftrag der deutschen Marine bestand in den vergangenen Jahrzehnten insbesondere darin, Nachschub und alliierte Verstärkungen für Zentraleuropa in der Nordsee zu sichern und die Ostseezugänge zu schützen - ein Auftrag, der sich im wesentlichen auf Landesverteidigung innerhalb des Bündnisses konzentrierte und der geographisch begrenzt war auf die Nordregion Europas. Dieser Auftrag und die feste Einbindung der deutschen Marine in die Struktur der Nordatlantischen Allianz waren bestimmend für ihre Fähigkeiten, ihre Seekriegsmittel und ihren Umfang.

Heute ist das Aufgabenspektrum der deutschen Streitkräfte und insbesondere der Marine im Gegensatz zu der relativ statischen geopolitischen und geostrategischen Lage und Rolle Deutschlands während des Kalten Krieges geographisch weiter angelegt, militärisch vielfältiger und vor allem von größerer politischer Relevanz. Stärker als in der Vergangenheit sind die deutschen Streitkräfte ein Mittel nationaler Außen- und Sicherheitspolitik, zunehmend gewinnt die sicherheits- und militärpolitische Dimension des Auftrages an Bedeutung. Dies gilt ganz besonders für Seestreitkräfte, die als mobiles, rasch verfügbares und vom Wesen her weltweit und flexibel einsetzbares Mittel der politischen Führung Deutschlands eine Vielzahl von Optionen eröffnet.

Grundsätzlich beinhaltet der Auftrag der deutschen Marine drei Kernfunktionen:

Im Rahmen dieses Auftrags steht die Marine nach wie vor bereit, zusammen mit den Partnern des Nordatlantischen Bündnisses Küsten, Hoheitsgewässer und die für unseren Handel wichtigen Seeverbindungen zu schützen und in diesen Seegebieten präsent zu sein. Dies ist Ausdruck staatlicher Souveränität und gleichzeitig Voraussetzung für die Bündnis- und Politikfähigkeit unseres Landes.

Seestreitkräfte bieten dabei eine Vielzahl von Optionen, die die politische Handlungsfähigkeit Deutschlands im Rahmen der maritimen Bündnisse gewährleistet. So können sie durch Präsenz in Krisenregionen - außerhalb von Hoheitsgewässern, aber sichtbar - ein deutliches politisches Signal setzen. Darüber hinaus fällt ihnen ein weites Spektrum an Krisenmanagementaufgaben zu, das von der Überwachung von Seegebieten und Durchsetzung von Embargomaßnahmen bis hin zur Unterstützung von Kontingenten des Heeres oder der Luftwaffe reicht. Gerade zur Unterstützung anderer Teilstreitkräfte kann die Marine wertvolle Beiträge leisten, indem ihre Seekriegsmittel Seetransporte sichern, ein sicheres Umfeld im Bereich von Häfen schaffen oder auch Truppenkontingente evakuieren.

 

Geographische Schwerpunkte

Mit dem erweiterten Auftrag ist die regionale Schwerpunktsetzung der deutschen Marine auf die Nordregion Europas weggefallen. Künftig muß die Marine in der Lage sein, überall dort eingesetzt zu werden, wo dies im Sicherheitsinteresse Deutschlands politisch erforderlich werden könnte. Aus sicherheitspolitischer Sicht liegt die geographische Priorität auf Europa und seiner Peripherie.

Die deutsche Marine legt ihre Schwerpunkte dabei auf drei Regionen.

Die Deutsche Marine wird eine Bündnismarine bleiben. Damit bleibt zugleich ihre atlantische Ausrichtung als Bindeglied zu unseren Bündnispartnern in Amerika erhalten. Hatte die Marine bereits seit der Aufnahme Deutschlands in die NATO einen substanziellen Beitrag zu der Sicherung unserer atlantischen Seeverbindungslinien geleistet, so wird diesem Beitrag seit 1996 auch die gewünschte Sichtbarkeit verliehen, indem die für diese Aufgabe im Bündnis vorgesehenen deutsche See- und Seeluftstreitkräfte entsprechend unmittelbar in den Streitkräfteplanungsprozeß der Supreme Allied Commander Atlantic eingebracht werden.

 

Fähigkeiten der deutschen Flotte

Die Bedingungen, unter denen maritime Operationen voraussichtlich erfolgen und See- und Seeluftstreitkräfte eingesetzt werden, haben sich erheblich geändert. Gerade bei Einsätzen im Rahmen von Krisenbewältigung und Konfliktverhinderung geht es künftig nicht mehr primär darum, einen kampfstarken Gegner in einem großangelegten Konflikt abzuwehren oder zu neutralisieren. Vielmehr kommt es darauf an, mit militärischen Mitteln das Verfolgen politischer Ziele zu unterstützen und dabei den Verlauf geographisch begrenzter Krisen und Konflikte zu beeinflussen oder - besser noch - diese zu beenden. Das Zentrum von Krisen wird sich zwar grundsätzlich an Land befinden; dennoch wird in den meisten Fällen der Zugang zu den Krisenregionen über See erfolgen können und die Möglichkeit gegeben sein, von See aus an Land zu wirken. Immerhin sind 70 % unseres Planeten von der See bedeckt und 196 der 228 Länder und Territorien auf unserer Weltkarte verfügen über Küsten. Von der Weltbevölkerung leben wiederum ca. 70% weniger als 200 Nautische Meilen von der Küste entfernt - und somit im Einflußgebiet maritimer militärischer Macht.

Mit diesen veränderten Bedingungen verlagert sich der Schwerpunkt maritimer Operationen von der Hohen See in Randmeere und küstennahe Seegebiete. Der Fähigkeit zur atlantischen Seekriegführung, wie sie zur Zeit des Kalten Krieges bestimmend war, wird künftig ein geringerer Stellenwert zufallen. Angesichts der möglichen Bedrohung eigener Kräfte im Rahmen von Krisenoperationen durch konventionelle Uboote und kleine, aber kampfstarke Überwassereinheiten gewinnen die Fähigkeit zur Unter- und Überwasserseekriegführung in Randmeeren und küstennahen Seegebieten zunehmend an Bedeutung. Zugleich werden für diese Einsätze höhere Anforderungen an die Einheiten hinsichtlich ihrer Durchsetzungsfähigkeit gegen Flugkörper und landgestützte Flugzeuge zu stellen sein.

Die deutsche Marine ist mit ihren traditionellen Fähigkeiten zur Seekriegführung in Randmeeren und ihrer jahrzehntelangen Erfahrung in der küstennahen Seekriegführung auf diese geänderten operativen Rahmenbedingungen gut vorbereitet. Der Umstand, daß die Einsätze nicht aus der eigenen, bekannten Küste heraus, sondern auf eine unbekannte Küste zu erfolgen, macht dennoch eine Anpassung der vorhandenen Fähigkeiten erforderlich.

Umfang der deutschen Flotte

Dieses weite Aufgabenspektrum erfordert eine ausgewogene Flotte, die über Fähigkeiten zur Überwasser- und Unterwasserseekriegführung sowie zur Seekriegführung aus der Luft bei gleichzeitiger Durchsetzungsfähigkeit gegen Luftbedrohung verfügt. Um den unterschiedlichen Anforderungen hinsichtlich Operationsgebiet, Bedrohung und Aufgabe gerecht werden zu können, muß sie auf der hohen See und in küstennahen Gewässern gleichermaßen operieren können. Neben dem Erhalt der Operationsfreiheit der schwimmenden Verbände gerade in küstennahen Gewässern durch angemessene Fähigkeiten zur Minenabwehr und müssen diese Verbände ebenso über eine ausreichende logistische und sanitätsdienstliche Unterstützung für Einsätze in entfernten Seegebieten verfügen.

Die Eigenständigkeit eines deutschen Beitrages bedingt dabei die Fähigkeit zur verbundenen Seekriegführung, d.h. die Fähigkeit, eine zeitlich und örtlich begrenzte Aufgabe selbständig - und damit sichtbar - durchführen zu können. Dies erfordert zunächst unterschiedliche Komponenten, die für bestimmte Aufgaben und/oder Seegebiete optimiert sind. Durch den Verbund dieser Komponenten läßt sich dann erst die ganzheitliche Aufgabenerfüllung und damit ein eigenständiger und sichtbarer deutscher Beitrag sicherstellen.

Mittelfristig wird die Flotte über folgenden Schiffsbestand verfügen:

15 Fregatten und Zerstörer
12 Uboote
30 Schnellboote
25 Minenabwehreinheiten
12 Seefernaufklärer/U-Jagdflugzeuge
45 Hubschrauber
53 Marinejagdbomber
17 mittlere und größere Unterstützungseinheiten.

Struktur

Dem Inspekteur der Marine mit dem Führungsstab der Marine sind unterstellt:

  1. Das Marineamt in Wilhelmshaven, das am Ende des Jahrzehnts nach Rostock verlegt wird. Der Amtschef des Marineamtes ist verantwortlich für die Ausbildung des gesamten Marine-personals, für die Personalführung der Unteroffiziere und Mannschaften, für die Öffentlich-keitsarbeit und den Marinesanitätsdienst. Ihm sind zusätzlich die Marinesicherungstruppen unterstellt.
  2. Das Marineunterstützungskommando in Wilhelmshaven. Der Kommandeur des Marineunter-stützungskommandos ist zuständig für Versorgung und logistische Unterstützung, für die Rüstung, für die Instandsetzungslenkung der Flotte und auch Test- und Erprobungsprojekte sowie für weitere Unterstützungsleistungen für die Marine wie z.B. Führungssysteme, Transportaufgaben und der Betrieb von Marinestützpunkten und Depots.
  3. Das Flottenkommando in Glücksburg. Der Befehlshaber der Flotte, gleichzeitig auch NATO-Befehlshaber Commander German Fleet, ist verantwortlich für die operative Führung und Einsatzausbildung der See- und Seeluftstreitkräfte. Ihm unterstehen die Typkommandos der Zerstörerflottille, der Schnellbootflottille, der Flottille der Minenstreitkräfte, der Ubootflottille, der Flottille der Marineflieger und der Flottille der Marineführungsdienste.

Um die Struktur der Marine zu straffen und dadurch effizienter zu gestalten, sind erhebliche organisatorische Maßnahmen schon eingeleitet bzw. noch in der Planung.

So werden die Marinestützpunkte auf 5 reduziert und gleichzeitig zu weitgehend typreinen Stützpunkten umorganisiert. Bis zu Beginn des nächsten Jahrzehnts werden die Einheiten der Flottille der Minenstreitkräfte in Olpenitz, die Ubootflottille in Eckernförde, die Schnellboot-flottille in Warnemünde und die Zerstörerflottille in Wilhelmshaven zusammengefaßt sein. Kiel bleibt als Heimathafen für die Flottendienstboote und das Segelschulschiff "Gorch Fock" sowie als Anlaufhafen erhalten.

Die vorhandenen Schulen werden langfristig in 5 Schulen konzentriert: die Marineoperationsschule in Bremerhaven, die Marinetechnikschule in Parow/Stralsund, die Versorgungsschule in List/Sylt, die Marineunteroffizierschule in Plön und die Marineschule Mürwik in Flensburg. Als Marinefliegerhorste bleiben Eggebek, Nordholz und Kiel-Holtenau erhalten.

Ausblick

Insgesamt läßt sich festhalten, daß die Marine für ihr erweitertes Aufgabenspektrum heute bereits gut gerüstet ist. So hat die Flotte ihre Leistungsfähigkeit in den zurückliegenden und andauernden Kriseneinsätzen bereits eindrucksvoll unter Beweis stellen können. Die jahrzehntelange Erfahrung und Routine mit multinationalen Operationen und Einsätzen in entfernten Seegebieten kam der Marine dabei sicherlich zugute.

Neben dem Erhalt der vorhandenen Komponenten geht es künftig insbesondere darum, die vorhandenen Fähigkeiten noch stärker an den veränderten Rahmenbedingungen auszurichten und die Modernisierung der Einheiten voranzutreiben.

So werden in den nächsten Jahren mit dem Zulauf der ersten beiden Einsatzgruppenversorger die Fähigkeiten zur logistischen und sanitätsdienstlichen Unterstützung der Flotte verbessert und damit die Krisenreaktionsfähigkeit der Marine ausgebaut. Zu Beginn des nächsten Jahrzehnts werden die Flugabwehr-Fähigkeiten mit der Fregatte F 124 und die Fähigkeiten zur weiträumigen UJagd mit dem Uboot U 212 gesteigert werden. Gleichzeitig wird damit begonnen, die schon traditionellen Fähigkeiten zur Überwasserseekriegführung in küstennahen Gewässern durch die Beschaffung von Korvetten auch für weiter entfernte Operationsgebiete verfügbar zu machen. Letztlich wird eine Modernisierung der Marinefliegerkomponente mit dem MH 90 und der MPA 2000 die Fähigkeiten zur weiträumigen UJagd komplettieren.

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