Operationen der Krisenreaktionskräfte

Die Krisenreaktionskräfte der Marine bilden primär den präsenten maritimen Beitrag zur Landesverteidigung. Zugleich sind sie die rasch verfügbaren Kräfte, die in Krisenlagen einen nationalen Beitrag zur Solidarität in NATO und WEU leisten. Und letztlich bilden sie das Kräftepotential, aus dem im Einzelfall Kräfte für multilaterale Einsätze im Rahmen der Vereinten Nationen bzw. für Rettungs- und Evakuierungseinsätze bereit gestellt werden können. Insofern bilden die Krisenreaktionskräfte den Kern des nationalen Verteidigungs-beitrags.

Für die Marine ist die politische Vorgabe maßgeblich, Krisenreaktionskräfte in der Größenordnung von zwei hochseefähigen Einsatzgruppen für einen gleichzeitigen Einsatz, ggfs für mehrere Missionen, bereitzuhalten. Der konzeptionelle Ansatz sieht vor, daß diese Einsatzgruppen im Kern aus Fregatten/Zerstörern bestehen, die durch Uboote, Schnellboote, Minenabwehreinheiten, logistische Unterstützungseinheiten, Marinejagdbomber und Seefern-aufklärer/UJagdflugzeuge in ihren Fähigkeiten ergänzt werden. In dieser maximalen Zusam-mensetzung erfüllen die Einsatzgruppen alle Anforderungen an die Seekriegführung über Wasser, unter Wasser und aus der Luft. Sie sind in der Lage, sowohl auf Hoher See wie in küstennahen Seegebieten eine zeitlich und räumlich begrenzte Aufgabe eigenständig und wirkungsvoll zu erfüllen.

 

In der Praxis werden Einsatzgruppen im Einzelfall je nach politischer Intention, Aufgabe, erwarteter Bedrohung und Operationsgebiet zusammengestellt. Dies bedeutet, daß einzelne Einheiten zu multinationalen Verbänden oder aber auch ganze Einsatzgruppen abgestellt werden können. Die Einheiten werden den zuständigen Befehlshabern, in der Regel NATO-Befehlshabern, unterstellt.

Bereits im Frieden stellt die deutsche Marine permanent jeweils eine Fregatte/Zerstörer bzw. eine Minenabwehreinheit für die ständigen Einsatzverbände der NATO im Atlantik, im Mittelmeer und in der europäischen Nordregion ab. Diese Einheiten bilden den nationalen maritimen Beitrag zu den Sofortreaktionskräften (Immediate Reaction Forces / IRF) der NATO. Darüber hinaus können weitere Fregatten/Zerstörer und Minenabwehreinheiten, Uboote, Schnellboote, Marinejagdbomber und Seefernaufklärer/UJagdflugzeuge als rasch verfügbare Einheiten (Rapid Reaction Forces / RRF) bereitgestellt werden. Insgesamt kann der nationale maritime Beitrag zur Krisenreaktion bis zu maximal 40 % der Flotte betragen und bis zu 4.300 Soldaten umfassen.

Die Marine generiert - d.h. sie organisiert - ihre Krisenreaktionskräfte entsprechend des für Seestreikräfte typischen Rotationszyklus aus Ausbildung, Einsatz und Instandsetzung. Dies bedeutet, daß die Marine strukturell keine Unterscheidung zwischen Krisenreaktions- und Hauptverteidigungskräften vornimmt. Entscheidend für die Frage, welche Einheit den Krisenreaktions- oder Hauptverteidigungskräften zuzuordnen ist, ist der jeweilige Ausbil-dungsstand. Insofern durchlaufen alle Einheiten der Marine den Krisenreaktions- und Haupt-verteidigungsstatus, wobei sie ihren jeweiligen Flottillen zugeordnet bleiben.

Kriseneinsätze der Marine

Schon kurz nach den historischen Veränderungen in Europa am Ende des letzten Jahrzehnts wurde das funktional und geographisch erweiterte Aufgabenspektrum für die deutsche Marine Realität.

Bereits 1990 wurde als Reaktion auf den irakischen Überfall auf Kuwait ein Minenabwehrverband (5 Minenabwehr- und 2 Unterstützungseinheiten) in das östliche Mittelmeer verlegt, um bei einer möglichen Verminung internationaler Schiffahrtswege sofort Hilfe leisten zu können. Anfang 1991 wurden diese Kräfte weiter verstärkt, so daß der deutsche Beitrag zur Krisenbewältigung im Mittelmeer insgesamt 11 Kampfeinheiten, 6 Unterstützungseinheiten und 3 Seefernaufklärer (ca. 2 300 Mann) umfaßte.

Im März 1991 wurde der Minenabwehrverband als Teil eines multinationalen Verbandes, an dem sich insgesamt 9 Nationen beteiligten, in den Persischen Golf entsandt, um dort im Rahmen der humanitären Hilfe scharfe Minen zu räumen. Während der dreimonatigen Einsatzzeit vernichtete der deutsche Verband 101 Minen/Sprengkörper. Zusammen mit 3 Hub-schraubern und 2 Ölüberwachungsflugzeugen waren insgesamt über 2 700 Marinesoldaten im Einsatz.

Im Februar/März 1994 mußte das deutsche Heereskontingent mit nationalen Kräften aus Somalia zurückgeführt werden. Kurzfristig wurde ein Schiffsverband aus 2 Fregatten, einem Versorger und einem Tanker zusammengestellt, der die Evakuierung übernahm.

Seit 1992 beteiligt sich die deutsche Marine im Rahmen der Ständigen Einsatzverbände der NATO im Atlantik bzw. Mittelmeer permanent mit 2 Zerstörern/Fregatten an der Durchsetzung des VN-Embargos gegen Restjugoslawien. Zusätzlich wurden auch ständig 3 Seefernaufklärer (unter Führung der WEU) zu dieser Operation abgestellt. Insgesamt waren damit etwa 550 Soldaten der Marine durchgehend in der Adria im Einsatz.
Zur logistischen und Ausbildungsunterstützung der NATO- und WEU-Verbände werden darüber hinaus deutsche Unterstützungseinheiten, Uboote und Marinejagdbomber in regelmäßigen Intervallen in diese Seegebiete entsandt.

 

Mit ihren Einsätzen in der Krisenbewältigung, der Konfliktverhütung und humanitären Hilfe hat die deutsche Marine ihre Eignung und ihr Leistungsvermögen in diesem für sie neuen Aufgabenfeld deutlich machen können.