Personalstrukturmodell 340

Grundlagen, Modell, Auswirkungen auf die Marine

Grundlagen

Betrachtet man den Verteidigungshaushalt der letzten Jahre so wird deutlich, daß die Ausgaben für Betriebskosten einschließlich Personal über 70% - mit zunehmender Tendenz - ausmachen. Für Investitionen bleiben immer weniger Mittel übrig. Es müssen daher Maßnahmen ergriffen werden, um Mittel freizusetzen und notwendige Investitionen tätigen zu können. Für den Personalumfang der Streitkräfte bedeutet dies einen erneuten Eingriff in die Personalstruktur in Form einer Umfangsreduzierung von 370.000 auf 338.000 Soldaten bis zum Jahr 2000. Die Marine ist daran mit einer Reduzierung von 29.000 auf 27.200 beteiligt. Während Heer und Luftwaffe den Reduzierungsprozeß des Personalstrukturmodells 370 (PSM 370) Ende 1995 abgeschlossen hatten, sollte die Marine ihren Umfang von 29.000 erst im Jahre 2000 einnehmen. Die erneute Reduzierung im Rahmen des Personalstrukturmodells 340 (PSM 340) überlagert den laufenden Umfangsabbau der Marine und stellt sie vor einen organisatorischen und personalstrukturellen Umbruch erheblichen Ausmaßes. Damit ist die relative, prozentuale Abbaunotwendigkeit der Marine mit Blick auf die notwendigen Reduzierungen bis 2000 größer als bei Heer und Luftwaffe.

In die Strukturberechnungen des PSM 340 sollten einbezogen werden eine Feldwebellaufbahn, die neugeordnete Laufbahn der Mannschaften mit Verpflichtungszeiten bis zu acht Jahren und dem neuen Dienstgrad Oberstabsgefreiter sowie einer fachlichen Ausbildungshöhe, die der der Unteroffiziere ohne Portepeé (UoP) entspricht. Hinzu kommt neben der Reduzierung der Dauer der Wehrpflicht auf 10 Monate (GWDL) die Möglichkeit des freiwilligen zusätzlichen Wehrdienstes (FWDL) von 12 bis 23 Monaten.

Weitere Eckwerte, die bei der Strukturberechnung zu beachten waren, sind:

- 57% der Oberstleutnante/Fregattenkapitäne sollen A15 werden können

- 3% aller Offiziere des Militärfachlichen Dienstes (OffzMilFD) sollen mit A13 besoldet werden

- 35% der Unteroffiziere mit Portepeé (UmP) sollen als Oberstabsfeldwebel/-bootsmann entlassen werden.

- durchschnittliche Beförderungszeiten sollen bei den Teilstreitkräften (TSK) gleich sein (Abweichung ± 0,5 Jahre)

- Integration der "Zivilberuflichen Aus- und Weiterbildung" (ZAW)

 

Erste Berechnungen zeigten, daß eine Feldwebellaufbahn mit einer komprimierten Ausbildung und dem damit verbundenen hohen Schüleranteil im PSM 340 noch nicht zu verwirklichen ist. Sie wurde aus den weiteren Berechnungen ausgeklammert. Allerdings wurde im Heer im Januar 1997 ein "Truppenversuch zur Verkürzung des Ausbildungsganges zum Feldwebel" gestartet, der über zwei Ausbildungsfolgen laufen soll und danach bewertet wird. Anschließend wird über die Einführung eines verkürzten Ausbildungsganges zum Feldwebel entschieden.

 Personalstrukturmodell

 

Im folgenden Abschnitt das Managementmodell vorgestellt, mit dem die Führungsstäbe der Streitkräfte die jeweiligen Personalstrukturen berechnen.

Bereits bei der Bearbeitung des PSM 370 wurde deutlich, daß die Möglichkeiten des rechnergestützten Strukturberechnungsmodells nicht ausreichten, die komplexen Strukturen der Teilstreitkräfte in ausreichender Qualität abzubilden. Die Forderungen der Teilstreitkräfte nach einem hoch flexiblen, PC-gestützten Modell wurden formuliert und in einem Grundmodell "Personal-Soll-Struktur-Planung" (PERSOLL) umgesetzt. PERSOLL wurde anschließend den teilstreitkraftspezifischen Besonderheiten angepaßt. Mit diesem Vorgehen wird sichergestellt, daß den Belangen der TSK entsprochen wird, Parameterabsprachen zwischen den TSK möglich sind, deren Einhaltung überprüft werden kann und Ergebnisse übergreifend verglichen und interpretiert werden können. Gleiche Darstellung der Ergebnisse erleichtern die Zusammenführung der Endprodukte der TSK zu einem Personalstrukturmodell der Streitkräfte.

 

Die geforderte Flexibilität von PERSOLL ergibt sich aus der grafischen Aufbereitung eines Beziehungsgeflechtes mit Lehrgangs- und Werdegangsabfolgen in Form von Vorgänger-/ Nachfolgerbeziehungen, der variablen Eingabe von Parametern und dem Kernstück der Berechnung, einem Algorithmus zur Lösung von linearen Gleichungssystemen.

Lehrgänge und Verwendungen (in Form von Dienstposten oder Dienstgrad) werden als Flächen, sogenannten Kleinstrukturen dargestellt. Die Zusammenfassung mehrerer miteinander verknüpfter Kleinstrukturen wird Stufenstruktur genannt. Fig. 1 zeigt als Beispiel für Klein- und Stufenstrukturen die grafische Darstellung der Struktur der OffzMilFD Marine.

Struktur OffzMilFD

 

Fig. 1

Nach der grafischen Darstellung wird jede Kleinstruktur näher bestimmt. Dies geschieht einerseits durch die Definition "Konstanter Beziehungen" zwischen Kleinstrukturen, wenn beispielsweise festgelegt wird, in welchem Verhältnis die Beförderung zum StKptLt aus den Kleinstrukturen KptLt A11 und KptLt A12 stattfinden soll. Andererseits durch die Eingabe von Parametern, die die Kleinstruktur bestimmen. Exemplarisch hierfür sind Ein-/Austrittszeitpunkt, Stehzeit, mittlerer Beförderungszeitpunkt oder Umfang. So fügen sich die einzelnen Bausteine von Vorgänger und Nachfolgerbeziehungen (z.B.: LtzS - OLtzS - KptLt) wie ein Puzzle zusammen, bis sich ein Gesamtbild, eine in sich regenerative, stationäre Personalstruktur ergibt.

Regenerativ bedeutet, daß sich der Personalbedarf von Kleinstrukturen aus dem Angebot zeitlich vorausgehender oder darunterliegender Kleinstrukturen decken läßt. An der Struktur der OffzMilFD (Fig. 1) erläutert heißt dies z. Bsp., daß immer ausreichend OLtzS die zeitlichen Voraussetzungen zur Beförderung zum KptLt erfüllen, um die Abwanderungen bei den Kapitänleutnanten durch

- Einweisung nach A12,

- Beförderung zum StKptLt und

- Dienstzeitbeendigungen

aufzufüllen.

 

Stationär bedeutet, die Personalstruktur bleibt im Zeitablauf konstant, d.h. alle Kleinstrukturen bleiben mengenmäßig gleich. Gem. PSM 340 gibt es also z. Bsp. immer 657 OLtzS und 639 KptLt A11 OffzMilFD innerhalb des Gesamtumfanges der Marine.

Auswirkungen auf die Marine

Nach der Festlegung der Gesamtumfänge für die TSK war zu entscheiden, wie die Reduzierung in den einzelnen Personalkategorien vorgenommen werden sollte. Ein linearer Abbau über alle Personalkategorien hinweg schied aus, da der Anteil an FWDL/GWDL gesetzt wurde, für die neugeordneten Laufbahn der Mannschaften der Umfang an Zeitsoldaten (Msch SaZ) erhöht und der Umfang der Offiziere des Sanitätsdienstes (OffzSanD) nicht gekürzt werden sollte. Einer linearen Kürzung bei den Stabsoffizieren (StOffz) mußte ebenfalls entgegengewirkt werden, da der Bündnisbeitrag der Streitkräfte nicht zur Disposition steht und die zahlreichen zusätzlichen internationalen Verpflichtungen (Partnership for Peace, Beteiligung an VN-Missionen, Ausbildungshilfen usw.) - für die im Regelfall nur StOffz in Frage kommen - unabhängig vom Umfang der Streitkräfte zu realisieren sind. Es ist vielmehr so, daß der Umfang internationaler Verpflichtungen bei einer Reduzierung absolut und prozentual zunimmt und damit der Umfang der StOffz sogar hätte vergrößert werden müssen.

Daher waren für alle TSK spürbare Reduzierungen nur im Bereich der Lt/LtzS - Hptm/KptLt Truppendienst (TrD), der OffzMilFD und der UmP/oP möglich.

Den Umfang der UmP will die Marine nicht verringern, um

- Professionalität auf der Meisterebene in einer hochtechnisierten TSK zu erhalten,

- bei einer zukünftigen Einführung der Laufbahn der Feldwebel, nicht die Dienstposten wieder einrichten zu müssen, die bei einer Reduzierung des Umfanges abzubauen wären und

- einen Ausgleich zum PSM 370 herzustellen, da die Marine in diesem Bereich nachweislich nicht so gut weggekommen ist.

Eine Reduzierung in der Personalkategorie Unteroffiziere kann bei Erhalt des UmP-Umfanges dann aber nur zu Lasten der UoP gehen.

Die Umfänge des PSM 340 für die Streitkräfte, die TSK und die Personalkategorien innerhalb der Marine sind in Tab. 1 und Tab. 2 dargestellt. Die Prozentwerte geben die Reduzierung vom PSM 370 zum PSM 340 wieder.

 

 

Streitkräfte

Heer

Luftwaffe

Marine

338.000

233.400

77.400

27.200

-8,6%

-9,5%

-7,0%

-6,2%

Tab. 1

 

 

Marine

27.200

-6,2%

OffzTrD

2.779

-4,6%

davon StOffz

1.257

-3,3%

OffzSanD

415

+0,5%

OffzMilFD

1.559

-5,2%

UmP

6.637

± 0%

UoP

4.902

-20,2%

Msch (SaZ)

4.708

+4,6%

GWDL/FWDL

6.000

-7,0%

Wehrübungsplätze

200

-33,3%

Tab. 2

Den Umfängen in den Personalkategorien gemäß PSM 340 steht die für das Jahr 2000 bisher geplante Organisation der TSK gegenüber. Aus dem Vergleich werden die Probleme der Reduzierung deutlich. Fig. 2 zeigt schematisch die einzurichtenden und abzubauenden Dienstposten für die Laufbahngruppen in der Marine.

 

Fig. 2

Für die Marine ergeben sich drei Problembereiche (rot schraffiert gekennzeichnet):

l Jeder dritte UoP-Dienstposten muß in Msch-Dienstposten der Dotierung Oberstabs-/Stabsgefreiter und Hauptgefreiter - Matrose umgewandelt oder abgebaut werden.

l Umwandlung von ca. 70 Dienstposten OffzTrD KptLt in OLtzS/LtzS-Dienstposten oder KptLt OffzMilFD.

l Abbau jedes zehnten StOffz-Dienstpostens.

Der Abbau in der Dotierung A11 und die Schaffung von Dienstposten A10/A9 treffen insbesondere die fahrenden und fliegenden Verbände der Flotte. Auch wenn z.B. einige der abzubauenden Dienstposten OffzTrD A11 durch einzurichtende Dienstposten für OffzMilFD A11 kompensiert werden können, müssen Ausbildungsabläufe und Verwendungsfolgen überarbeitet und gestrafft werden. Dabei muß jedoch die Attraktivität der Verwendungsabläufe erhalten bleiben und eine vergleichende Betrachtung von Dienstposten über die Flottillen hinweg berücksichtigt werden.

Als besonders problematisch wird der Abbau jedes dritten Dienstposten bei den UoP gesehen. Dem ist entgegenzuhalten, daß diese Dienstposten zum größten Teil in Mannschaftsdienstposten umgewandelt werden und die Marine allen Msch mit einer Verpflichtungszeit von vier und mehr Jahren bereits nach der Grundausbildung die fachliche Ausbildung zukommen lassen will, die auch die Unteroffiziere erhalten. Damit erhält die Marine fachlich wesentlich besser ausgebildete Msch, als jemals zuvor. Da der Umfang der so ausgebildeten Msch annähernd dem des Abbaus an UoP entspricht, ist ein Verlust an fachlicher Kompetenz nicht zu erwarten. Auch bleibt für interessierte, qualifizierte Msch die Möglichkeit des Wechsels in die Laufbahn der UmP erhalten. Die neugeordnete Laufbahn der Mannschaften stellt ein interessantes Angebot dar, dessen Attraktivität mit der beabsichtigten Öffnung der "Zivilberuflichen Aus- und Weiterbildung" auch für Mannschaften weiter gesteigert werden soll. ZAW wird bisher nur für UoP/mP angeboten. Sie eröffnet in vielen Verwendungsreihen die Möglichkeit, einen anerkannten Zivilberuf zu erwerben und kann bei UmP bis zum Meister führen.

Probleme in der Personalbedarfsdeckung mit längerdienenden Msch erwartet die Marine allerdings in den sogenannten Mangelverwendungsreihen, in denen die Personalbedarfsdeckung bei den UoP schon kritisch und ein attraktives ZAW-Angebot bisher nicht möglich ist.

Als unerfreulich ist die Tatsache zu werten, daß statt streitkräfteweit 317 OffzMilFD A13 nur 145 im PSM 340 verankert werden konnten. Dies bedeutet für die Marine statt der ursprünglich geplanten 47 nur noch 18 Dienstposten in dieser BesGr.

Zusammenfassung

Das PSM 340 stellt mit seinen Reduzierungen alle TSK vor einen erneuten organisatorischen und personellen Umbruch. Für die Marine ist der Reduzierungsprozeß dabei aus folgenden Gründen von besonderer Qualität.

- Die Marine befindet sich als einzige TSK noch in der Abbauphase des PSM 370, die nun von der Reduzierung im Rahmen des PSM 340 überlagert wird.

- Die Marine hat einen erheblichen strukturellen Überhang an UmP (Berufssoldaten). Hinzu kommt, daß gerade dieser Personenkreis im PSM 370 vergleichsweise weniger gut repräsentiert ist. Dies führte neben den bereits erwähnten Gründen zu der Entscheidung, den Umfang der UmP ungekürzt in das PSM 340 zu übernehmen, mit der Konsequenz, die Reduzierung der Unteroffiziere gänzlich auf die UoP zu verlagern.

Insgesamt kann festgestellt werden, daß das PSM 340 für die Marine einen in sich regenerativen Personalkörper darstellt. Die Umsetzung erfordert Kreativität und den gemeinsamen Willen, neue Wege zu beschreiten, schlankere Strukturen einzunehmen, aber auch das Wissen, daß die aktuelle Personalstruktur der Streitkräfte erst nach ca. 30 Jahren die erwünschte PSM-Struktur endgültig erreicht hat.