U 212
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1. Allgemeines

Die Bundesrepublik Deutschland hat mit ihren 24 Ubooten in den letzten 20 Jahren im Nordflankenraum und besonders im Hauptoperationsgebiet der Uboote - nämlich der Ostsee - auf Wassertiefen von 20 bis 100 m fortdauernde Präsenz geübt/gezeigt. Trotz politischer Veränderungen und Reduzierung der Ubootflottille bleiben Uboote im operativen Konzept der Marine unverzichtbarer Bestandteil der verbundenen Seekriegführung zur Bekämpfung von Überwasserstreitkräften, von Ubooten und in der Aufklärung. Als Besonderheit ist hervorzuheben, daß Uboote nur durch ihre Präsenz (auch vermutete) starke Kräfte binden.

Das Vorhaben U 212 befindet sich seit 1987 in der Vorbereitung. Seit Juli 1995 ist nun aber der Bauvertrag für das erste Los von vier Ubooten mit der ARGE U 212 rechtswirksam. Die enge Zusammenarbeit der Werften Howaldswerke-Deutsche Werft (HDW), Kiel und den Thyssen-Nordseewerken (TNSW); Emden hat sich bereits in der Vergangenheit bei Ubootexportvorhaben und dem Umbauvorhaben U 206A bewährt.

 

2. Auslegung und Entwurf

Die Summe aller Forderungen führte zu einem Entwurf, der gekennzeichnet ist durch

- niedrige Verratssignaturen

- weitestgehende Außenluftunabhängigkeit

- Integration eines effektiven Waffen- und Sensorsystems

2.1 Technische Besonderheiten

Besondere Bedeutung wurde beim Entwurf auf die Reduzierung der Signaturen auf ein möglichst niedriges, aber auch auf ein abgestimmtes Maß gelegt: Akustik, Magnetik, Radar, Infrarot und Druck. Die Reduzierung der akustischen Signatur hat zweifellos den größten Einfluß auf die Kosten und den Entwurf. Verwendung besonders geräuscharmer Maschinen und Geräte, elastische Lagerung der geräuscherzeugenden Maschinen und Geräte des Maschinenraumes auf einer gemeinsamen Plattform, ihrerseits gegen die Bootsstruktur entkoppelt sind besonders aufwendige Maßnahmen zur Reduzierung des Zielpegels.

Die Form U 212 wurde im Hinblick auf die hydrodynamischen Eigenschaften unter Beachtung der Forderung nach einem geringen Zielmaß (Auffaßmöglichkeit eines Aktivsonars) entwickelt.

Als Material für den Druckkörper kommt ein hochfester, nichtmagnetisierbarer austenitischer Stahl zum Einsatz. Neben dem Schutz vor magnetischen Sensoren (Mine, MPA) zeichnet er sich auch durch seine hohen Festigkeitswerte und besonderen Elastizitätsverhalten - Tauchdruck, Kollision - positiv aus. Der Stahl wurde speziell für den Ubootbau von der deutschen Industrie entwickelt und berücksichtigt die Erfahrungen mit den Ubooten 206.

 

2.2 Antriebskonzept

Die Forderung nach weitestgehender Außenluftunabhängigkeit wird mit einer Hybridantriebsanlage (Kombination von Batterie und Brennstoffzelle) erreicht. Der Fahrmotor treibt einen langsam drehenden, siebenflügeligen Skew-back-Propeller an, der Kavitation vermeidet und selbst bei hohen Geschwindigkeiten extrem leise bleibt.

Die erstmalige Integration einer Brennstoffzellenanlage in ein Uboot sowie die Verknüpfung dieser komplexen Hybrid-Antriebsanlage mit den Schiffs-elektronischen/Betriebsanlagen und mit den Automatisierungseinrichtungen war eine weitere Herausforderung an den Entwurf. Trotz Komplexität und Umfang wird es mittels eines integrierten Lenk-und Leitstandes möglich sein, den gesamten schiffstechnischen Bereich mit nur drei Soldaten pro Wache zu fahren.

2.3 Integration der Waffen und Sensoren

Das Führungs- und Waffeneinsatzsystem besteht im wesentlichen aus:

 

Basis-FüWES

- verbindet die Sensoren (Sonar, Sehrohre, ELoUM, Navigation) mit der Waffe (Torpedo)
und der Schiffstechnik

- ermöglicht die gleichzeitige Darstellung und Verfolgung mehrerer Ziele sowie die
gleichzeitige und voneinander unabhängige Führung von bis zu vier Torpedos

Mit der Entwicklung eines verteilten redundanten Mehrprozessorsystems mit Datenbus, Mehrzweckkonsolen und modularem Softwareaufbau werden die Anforderungen an ein leistungsstarkes und standfestes System erfüllt.

Sonaranlage DBQS 40

Hoch-, mittel- und tieffrequente Sonarsysteme sind integriert, einschließlich einer Minenortungsanlage (gegen Ankertauminen). Detektionsergebnisse werden an drei Konsolen dargestellt und verarbeitet, dabei ist eine Verfolgung von bis zu 8 Zielen möglich. Das Towed Array (TA) wird an der Hinterkante des Turms angeklippt und in einem ausreichenden Abstand geschleppt. Es ermöglicht eine weitreichende Schmalbandortung im tieffrequenten Bereich. Das Flank Array (FA) deckt den Bereich zwischen den tiefen und mittleren Frequenzen ab. Eine spezielle Verarbeitung der FA- und TA-Daten ermöglicht die Zieldatenermittlung auf große Entfernungen.

Sehrohranlage 14/15

- Beobachtungssehrohr mit optischem Entfernungsmesser und Infrarotkomponente

- Angriffssehrohr mit optischen und LASER-Entfernungsmesser.

Waffen, Navigation, Fernmelde

Hauptwaffe wird der entwickelte Schwergewichtstorpedo DM 2A4, eine Weiterentwicklung (Antrieb: trinational mit Frankreich und Italien) des Dual-Purpose (Ujagd/Seeziel) -Torpedos DM 2 A3 SEEHECHT, der bereits mit U 206A eingeführt wurde.

Eine Torpedoabwehranlage, Navigationsanlage mit Trägheits- und Satellitennavigationsanlage und Fernmeldeanlagen mit Verbindungen Schiff/Schiff, Schiff/Land, Land/Schiff, Schiff/Luft in den Betriebsarten Sprache, Fernschreiben und Kurzeitsignalgebung in den Frequenzbereichen VLF, MF, HF, VHF (VLF; MF nur Empfang) runden die Ausrüstung ab.

2.4 Bootsdaten

Verdrängung 1500 t

Länge 56 m

Druckkörperdurchmesser 7,0 m

Mittlerer Tiefgang 6 m

Missionsdauer 30 Tage

Besatzung 27

Bewaffnung 6 Ausstoßrohre mit insgesamt 12 Torpedos

Geschwindigkeit ca. 17 kn

 

2.5 Schlüsseltechnologien

Entwurf, Konstruktion ARGE U 212 (HDW; TNSW)

Brennstoffzellenanlage Siemens, HDW

Permanenterregter Antriebsmotor Siemens

Integrierte Sonaranlage STN ATLAS Elektronik

Sehrohranlage Carl Zeiss

Torpedo STN ATLAS Elektronik

Basis FüWES Norsk Forsvarsteknologi (NFT) gem Deutsch- Norwegischer Vereinbarung und gemeinsamer Spezifikation

 

3. Internationale Kooperation

Mit Norwegen besteht seit der Unterzeichnung einer Regierungserklärung im September 1983 eine enge Zusammenarbeit auf dem Ubootsektor. Infolge dieses MoU`s werden das Basis-FüWES (Entwicklung in NOR), Sehrohre, Torpedos und die Sonaranlage (deutsche Entwicklungen) auf den Ubooten beider Marinen eingesetzt.

Die italienische Marine beabsichtigt, zeitgleich mit DEU, identische Uboote U 212 zu beschaffen. Das ITA-Parlament hat der Beschaffung von zwei Ubooten U 212, plus einer Option auf zwei weitere, zugestimmt.

Der Abschluß der Verhandlungen für eine Regierungsvereinbarung über die gemeinsame
U 212-Beschaffung wird demnächst erwartet. Im Rahmen dieser Kooperation kommt es u.a. bei der Tauchtiefe und der Andockmöglichkeit eines DSRV zu einem modifizierten Entwurf
U 212A.

Die Änderungen an einem rechtsgültigen Vertrag unter Eingehen auf italienische Wünsche zeigt das große deutsche Interesse an Rüstungskooperation und die Fähigkeit/Flexibilität der deutschen Industrie zu einer Industriekooperation und Kompensation.

 

Ausblick

Mit der Realisierung U 212 wird im konventionellen Uboot-Bau ein Technologiesprung vollzogen. Aufgrund der bahnbrechenden Energieumwandlung wird ein wesentlicher Schritt zu einem konventionellen Uboot getan, das erstmalig die langandauernde tiefgetauchte fast geräuschlose Fahrt für nicht nukleare Uboote realisiert. Eigenschutz und Durchsetzungsvermögen werden nachhaltig verbessert; das Überraschungsmoment bleibt auf lange Sicht beim Uboot Kl 212.